Pressemitteilung Mitgliederversammlung Rheinischer Verband Ev. Tageseinrichtungen für Kinder vom 29.11.2017

Wie viel Kita braucht Familie?

Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird angesichts eines wachsenden Ökonomisierungsdrucks immer drängender. In Bonn diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Diakonie im Anschluss an die Vorstandswahl des Rheinischen Verbands evangelischer Kitas über die Zukunft neuer Betreuungsmodelle.

 

Kindertagesstätten leisten einen wichtigen Beitrag, wenn es um die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. In den letzten zehn Jahren haben sich die Herausforderungen angesichts einer zunehmenden Flexibilisierung und Mobilisierung des Arbeitslebens jedoch weiter verstärkt: Prekäre Arbeitsverhältnisse in Form von kurzzeitlichen oder projektbezogenen Verträgen, die sich auflösende Trennung von Arbeits- und Privatleben, sowie längere Arbeitswege erschweren die finanzielle und zeitliche Organisationssicherheit in Familien. Wie können evangelische Kitas diesen neuen gesellschaftlichen Herausforderungen gerecht werden?

»Kinder stehen mit ihren Bedürfnissen in unserer Arbeit im Vordergrund«, stellte Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland, in einer bewegenden Andacht zu Beginn der jährlichen Mitgliederversammlung des Rheinischen Verbands Evangelischer Tageseinrichtungen fest. Schon jetzt würden evangelische Kindertagesstätten einen wichtigen Beitrag zu der Vereinbarkeit von Familie und Beruf leisten. An dem Grundsatz des Evangeliums – »Jeder Mensch ist wichtig, weil er da ist und nicht weil er etwas geleistet hat.« – müsse sich die Arbeit des Verbands auch zukünftig messen.

 

Den Balanceakt meistern

Im Anschluss an Eberls thematische Einstimmung diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Diakonie über künftige Herausforderungen, denen evangelische Kitas angesichts der zunehmenden Ökonomisierung gerecht werden müssen. Im Fokus der Debatte stand dabei auch eine kritische Reflektion der eigenen evangelischen Haltung – im Spannungsfeld zwischen dem, was Familien brauchen und dem, was Kindern tatsächlich zumutbar ist. Wie viel »wache« Zeit brauchen Eltern und Kinder gemeinsam? Welche Kita-Verweildauer lassen sich aus einer evangelischen Haltung heraus vertreten? Und wie können flexible Betreuungszeiten künftig besser gestaltet werden?

Innerhalb der evangelischen Kirche werden diese Fragen kontrovers diskutiert. Referentin Doris Sandbrink, ehemalige Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft für Familienfragen im Rheinland, leistete hier eine inspirierende Rückschau, in der sie die immer wieder angepassten und überarbeiteten Linien der Familienpolitik anhand von Publikationen der evangelischen Kirche im Rheinland historisch nachzeichnete.

»Ein Blick in die Geschichte der letzten zwanzig Jahre zeigt, dass es sich bei der Vereinbarkeitsfrage eigentlich vielmehr um eine Vereinbarkeitslüge handelt«, sagte Sandbrink. »Die Kontinuität unserer Forderungen der vergangenen Jahre verdeutlicht, dass Familie und Beruf nur schwer miteinander vereinbar sind, weil sie entlang völlig unterschiedlicher Bedürfnissen und Maßgaben verlaufen.« Sandbrink appellierte vor rund 90 Teilnehmenden im historischen Gemeindesaal der Evangelischen Erlöser-Kirchengemeinde Bad Godesberg erneut an die Politik, gesamtgesellschaftliche Lösung zu finden, um Familien den »Balanceakt« zu erleichtern.

 

Gelebte Zeit in der Familie

Deutlich wurde in den dort folgenden, reichhaltigen Diskussionen, die unter dem Perspektivenwechsel verschiedener Akteure – Kindern, Institutionen, Mitarbeitenden und Eltern – geführt wurden: Gerade personelle und finanzielle Mittel fehlen häufig in den Einrichtungen und werden durch ehrenamtliche Tätigkeiten aufgefangen.

»Unsere Mitarbeitenden müssen neben ihrer pädagogischen Arbeit in den Kitas verstärkt auch Elternarbeit leisten, um bei individuellen Bedürfnissen und Nöten Hilfestellungen zu geben«, erklärte Pfarrer Jens Sannig, wiedergewählter Vorstand des Rheinischen Verbands und Superintendent der Evangelischen Kirchenkreises in Jülich, am Rande der Versammlung. Auch angesichts dieser erweiterten, zeitintensiven Aufgabengebiete sei es wichtig neue Modelle denk- und lebbar zu machen.

Laut Sannig gäbe es dabei aber keinen einheitlichen Lösungsweg: »Die größte Herausforderung der Zukunft unseres Verbandes liegt darin, den unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Landschaften, in denen unsere Einrichtungen beheimatet sind, gerecht zu werden.« Es gelte hier immer, den Blick auf einzelne Kindertageseinrichtungen zu lenken, um herauszufinden, was sie zukünftig bräuchten. »Die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kann nicht homogen beantwortet werden, sondern ist immer von den individuellen Bedürfnissen der einzelnen abhängig.«

Heike Tenberg, neu gewählte Stellvertretende Vorsitzende des Rheinischen Verbands, betonte, dass bei diesem Austarieren von Bedarf und Anforderungen weiterhin die Chancengleichheit aller Kinder im Vordergrund der Arbeit stehen müsse: »Kinder haben das Recht auf gleichen Zugang zu Ressourcen und Bildung.« In der kommenden Legislaturperiode tritt Tenberg in ihrem neuen Posten die Nachfolge von Pfarrer Kurt Heyser an, der aus Gründen des bevorstehenden Ruhestands künftig ausschied. In dieser Zeit kündigte sie an, den gesellschaftspolitischen Auftrag, den evangelische Kitas bereits heute angesichts von Inklusions- und Integrationsarbeit leisteten, weiter zu intensivieren. »Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Aufgabe, Kinder zu begleiten und zu unterstützen, wenn sie mit der ihnen ganz eigenen Neugier, die Welt erforschen.«

 

Lösungen für Arbeitszeitmodelle jenseits von 9-to-5

Handlungsbereiche, die im Sinne einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, stärker in den Blick genommen werden müssen, lagen nach Meinung vieler Teilnehmenden vor allem an den Schnittstellen zwischen Trägern und Einrichtungen, Eltern und Mitarbeitenden. Hier müsse, so die einhellige Meinung, eine klarere Kommunikation stattfinden, wo der Bedarf liege und was von den Institutionen geleistet werden könne.

Konkret wird diese Herausforderung etwa dann, wenn Eltern einer Schichtarbeit wie beispielsweise in Krankenhäusern oder Kliniken nachgehen. »Eine flächendeckende Ausweitung von Kitas mit einer Öffnungszeit von 24 Stunden halte ich nicht für sinnvoll«, erklärt Sabine Prott, Geschäftsfeldleiterin der Diakonie RWL, am Rande der Veranstaltung. An manchen Standorten könne diese lange Öffnungszeit jedoch dem tatsächlichen Bedarf der Eltern entsprechen. »Eine Krankenschwester kann nicht einfach aus dem Operationssaal verschwinden, um ihr Kind abzuholen.« Auch für Arbeitsverhältnisse mit flexiblen Arbeitszeiten, sowie Familien in prekären Lebenssituationen müssten laut Prott bedarfsgerechte Lösungen in der Betreuung ermöglicht werden.

In einem Positionspapier will der Verband die Ergebnisse der Mitgliederversammlung zur öffentlichen Diskussion stellen. Diese Resolution soll dabei unterstützen, den teilweise zu kritisierenden Zustand zu beleuchten und auch die eigene Weiterentwicklung einer evangelischen Haltung voranzutreiben.

Der Rheinische Verband Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder e.V. besteht seit 1927 und vertritt die Interessen evangelischer Träger von Tageseinrichtungen für Kinder in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Im Verband haben sich 365 Träger zusammengeschlossen, die 802 Tageseinrichtungen und rund 45.000 Betreuungsplätzen anbieten. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beläuft sich auf rund 6300 Personen (in Vollzeitstellenberechnung) mit einem Haushalt, bei dem etwa 50 Millionen Euro aus kircheneigenen Finanzmitteln bereitgestellt werden.

Kontakt: Geschäftsführer Jörg Walther, Telefon 0211/6398-295, E-Mail: j.walther@diakonie-rwl.de

Presse: Philippa Schindler